„Das Deutsche Requiem“ – Fanny Hensels musikalische Botschaft an diese Zeit

Die Musik wird für Felix vielleicht Beruf, während sie für Dich nur Zierde, niemals Grundbass Deines Seins und Tuns werden soll. (…) Beharre in dieser Gesinnung und in diesem Betragen, denn das ist weiblich, und nur das Weibliche ziert die Frauen.

 Abraham Mendelssohn zur Einsegnung seiner 15-jährigen Tochter Fanny

Fanny Hensel (1805-1847) zählt zu den bedeutendsten KomponistInnen auf unserer Erde. Ihr über 450 Werke umfassendes kompositorisches Schaffen, welches fraglos neben das Œvre von Bach, Mozart und Beethoven gehört, gewinnt insofern an noch höherer Bedeutung, als dass sie sich nicht durch die ihr verweigerte öffentliche Rolle als Komponistin in ihrem Schaffen einschränken ließ. Ihr waren allein Hausmusiken gestattet. Dennoch komponierte sie für Besetzungen, die Konzertsäle erforderten. Woher nahm sie diesen Mut und die Kraft?

Gute 3 Jahre vor ihrem heute berühmten Bruder Felix geboren, erhielt sie mit ihm die gleiche fundierte musikalische Ausbildung. Einen großen Einfluss übte ihr Kompositionslehrer Carl Friedrich Zelter auf ihr späteres Schaffen aus. Er war es, der sie mit dem „Wohltemperierten Klavier“ von Johann Sebastian Bach vertraut machte. Mit 13 Jahren konnte sie das gesamte 2-Bändige Werk mit 48 Präludien und Fugen auswendig spielen. Diese außergewöhnliche Leistung weist unmissverständlich auf ihre außergewöhnliche Genialität hin. 1829 heiratete sie den berühmten Hofmaler Wilhelm Hensel (1794-1861), der sie fortan in ihrem musikalischen Schaffen ermutigte. Erst kurz vor ihrem überraschenden Tod wagte sie die Veröffentlichung einiger früher Kompositionen.

Die Komponistin Johanna Kinkel (1810-1858), die sie bei den legendären „Sonntagsmusiken“ der Geschwister erlebte, schrieb über ihre musikalischen Fähigkeiten:

Mehr als die grössten Virtuosen und die schönsten Stimmen, die ich dort hörte, galt mir der Vortrag Fanny Hensels, und ganz besonders die Art, wie sie dirigierte… Ein Sforzando ihres kleinen Fingers fuhr uns wie ein elektrischer Schlag durch die Seele und riss uns ganz anders fort.

Fanny wurde mit einem Bewusstsein von BW 550 geboren und erreichte im Laufe ihres Lebens ein Bewusstsein von BW 910. Ihr Streichquartett testet BW 1030 und ist damit die Komposition mit dem höchsten Bewusstsein seiner Zeit.

Mir ist keiner unserer großen Komponisten bekannt, dem nicht bewusst war, aus welcher Quelle seine Kompositionen stammten.  Johannes Brahms schrieb darüber:

In meinem Arbeitszimmer kann ich im Dunkeln die Hand auf die Bibel legen. Alle wirklich inspirierten Ideen kommen von Gott. Die Kräfte aus denen alle wirklich großen Komponisten wie Mozart, Schubert, Bach und Beethoven ihre Inspiration gezogen haben, sind die selbe Kraft, die es Jesus ermöglichte seine Wunder zu vollbringen.

 Johannes Brahms

Auch Fanny lebte in diesem Gewahrsein. 1831 vollendete sie in dieser Gewissheit ihr „Oratorium nach Bildern der Bibel“, welches gleichzeitig den Titel „Deutsches Requiem“  (BW 1020) trägt. Die Textauswahl zeugt von intensivem Bibelstudium und weist gleichzeitig auf ihre innere Vision und Überzeugung, dass unser aller Leben allein durch den Willen und die Gesetze Gottes in eine neue Dimension mündet. Der hier eingebettete Konzertmitschnitt vom 16.11.1994 (BW 905) ist nach meiner Kenntnis jener, der an das angelegte hohe Niveau von BW 1020 am ehesten heranreicht. Eine weitere auf youtube zu findende Aufnahme testet leider nur BW 490.  

Wenn man bedenkt, dass die Texte der Bibel im Durchschnitt BW 230 testen und es Fanny gelungen ist, in der Textauswahl BW 810 zu erreichen, muss man sich demütig vor ihrem hohen Glauben verneigen. Natürlich war sie auch hierin geführt. Wenn im Lexikon über unsere deutsche Sprache weitaus niedrigere Werte angegeben wurden, ist die Lyrik, zu denen wir viele Bibeltexte rechnen können, davon ausgenommen. Unsere Lyrik erreicht in seltenen Fällen sogar den Wert von BW 1040, wie es Friedrich Schillers  „Ode an die Freude“ aufzeigt. Um die inhaltliche Aussage besser verfolgen zu können wurde der gesamte Text unten eingefügt. Ich selbst höre oft in meinem Inneren Musik, die ich als Botschaft meiner inneren Führung erkenne. Als die erste Coronawelle begann, hörte ich die klingenden Worte aus diesem Oratorium deutlich in mir: „Plötzlich muss das Volk sterben und um Mitternacht erschrecken und vergehn. Die Mächtigen werden kraftlos weggenommen…“ (siehe: 6.Rezitativ). Für mich wurde es zu einer klaren Botschaft über den hohen Sinn all dessen, was die Welt durch Corona erfährt. Der grandiose Schlusschor weist alle, die hören wollen, klingend in eine neue Zeit. Darum ist es mir ein Herzensbedürfnis, diese große Musik zu teilen. Vor beinahe 200 Jahren für diese Zeit komponiert, verheißt sie uns, die wir alle einen hohen Geist miteinander teilen, den lang ersehnten Frieden für das Leben auf der Erde.

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen…

 Offenbarung: 21

Oratorium nach Bildern der Bibel
(„Deutsches Requiem“, 1831)

1. Introduktion - Allegro moderato

2. Rezitativ - Alt
Höret zu, merket auf, alles, was in dieser Zeit lebet!
Gott, der Mächtige, redet und rufet der Welt vom Aufgang
der Sonne bis zum Niedergang; er rufet Himmel und Erde,
dass er richte sein Volk.

3. Arioso - Bass und Sopran
Bass: Ich habe Kinder aufgezogen und erlöset, und sie sind
von mir abgefallen. Ich will sie verstoßen wie Staub vor dem
Winde, so fahren sie ihren Väter nach und sehen das Licht
nimmermehr.
Sopran: Wehe, wehe des sündigen Volks! Es ist geschehn.

4. Chor
Wehe, weh, es ist geschehn. Hilf uns, Herr Zebaoth!
Eile, Gott, mich zu retten. Herr mir zu helfen, eile herbei!
Höre mein Gebet, eile, Gott, mich zu retten!
Neige deine Himmel zu mir und fahre herab.
Aus der Tiefe, Herr, ruf ich zu dir, aus der Tiefe, Herr.
Komm, Herr, Gott! Tröste uns, Gott, unser Heiland,
und lass ab von deiner Ungnade über uns.

5. Rezitativ - Alt
Sie rufen, aber da ist kein Helfer, zum Herrn, aber er
antwortet nicht.

6. Rezitativ - Sopran
Plötzlich muss das Volk sterben und um Mitternacht
erschrecken und vergehn. Die Mächtigen werden kraftlos
weggenommen, dass entsetzet sich mein Herz und bebet.

7. Chor mit Choral
Chor: Gott, unser Schild, schaue doch, Herr, meine Zuversicht.
In dem allen lässet sein Zorn noch nicht nach, seine Hand ist
noch ausgestreckt.
Choral: O Traurigkeit, o Herzeleid, o Tag der bangen Klagen!
Was der Herr zum Leben schuf, wird ins Grab getragen.

8. Arie - Tenor
Ich bin elend und ohnmächtig, ich leide deine Schrecken,
dass ich schier verzage.
Du machest, dass meine Freunde und Nächsten und meine
Verwandten sich ferne von mir tun, um solches Elendes willen.
Herr sei mir gnädig, Herr, sei barmherzig, denn ich bin
schwach.
Heile mich, denn meine Seele ist sehr erschrocken,
ach, Herr, wie so lange?

9. Rezitativ - Sopran
Er wird dich mit seinen Fittichen decken und deine
Zuversicht wird sein unter seinen Flügeln.
Seine Wahrheit ist Schirm und Schild, so sei denn wacker
und stärke das andere, das sterben will.

10. Arioso (Sopran)
Blickt hin auf die, so vollendet haben, 
denn ihre Seele ist von dem Herrn.
 Ihr Gedächtnis aber sei mit euch.

11. Trauerchor
Sie sind dahin gegangen, wie das Gras verdorrt, wie die Blume
verwelket, wie eine wehende Spreu. Sie sind dahin gegangen
und ihr Leben ist verborgen in Gott.
Siehe, wir preisen selig, die erduldet haben,
denn der Herr ist barmherzig und Erbarmer.
Und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei,
noch Schmerz wird mehr sein, denn die Erde ist vergangen.
Und Gott wird wegnehmen alle Tränen aus ihren Augen.

12. Chor der Seligen - Chor, Sopran & Bass
Chor: Ich habe einen guten Kampf gekämpfet,
ich habe den Lauf vollendet,
ich habe Glauben gehalten
Sopran: Ach, dass ich hören sollte, dass Gott, der Herr, redete,
dass er Friede zusagte seinem Volk.
Bass: Welche ich lieb habe, die Strafe und züchtige ich,
so tuet nun Buße.

13. Quartett
Herr errette mich von meiner Sünde, errette mich!
Wende dein Schwert, und lass dein Antlitz leuchten.

14. Chor
Wir leiden um unsrer Sünden willen. Wir haben gesündiget
mit unseren Vätern, wir haben misshandelt und sind gottlos
gewesen. Aber wir haben einen Gott der da hilft, und den
Herrn, der vom Tode errettet.

15. Rezitativ - Sopran, Alt & Bass
Der Herr ist nahe allen, die ihn anrufen, allen, die ihn mit
Ernst anrufen. So demütiget euch nun unter die gewaltige
Hand Gottes, dass er euch erhöhe zu seiner Zeit.
Alle eure Sorge werfet auf ihn, denn er sorget für euch.
Tröstet mein Volk, spricht euer Gott, siehe ich komme bald
und mein Lohn mit mir.

16. Chor
Singet Gott, lobsinget dem Herrn,
machet Bahn, dem der da sanft herfähret.
Er heißet Gott, und freuet euch vor ihm.
Frohlocket mit Pauken, alle Völker,
und preiset den Herrn mit fröhlichem Schall.
Gott fähret auf mit Jauchzen
und der Herr mit heller Posaune.
Lobet den Herrn mit Pauken und Reigen,
lobet ihn mit Saiten und Pfeifen,
lobet ihn mit heller Posaune.
Lobet ihn mit hellen Zymbeln,
lobet ihn mit Psalter und Harfen.
Alles, was Odem hat, preise den Herrn.
Amen.
Veröffentlicht in: Musik

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