Polyphonie – die Musik der 5. Dimension

Eine der schönsten von Johann Sebastian Bach (1685-1750) komponierten etwa 300 Kantaten, von denen heute an die 200 erhalten sind, ist die geistliche Kantate: „Nach dir, Herr, verlanget mich” (BWV* 150). Von Bach selbst wurde sie auf dem BW 830 komponiert und in dieser Qualität auch unter seiner Leitung uraufgeführt. Das 7-sätzige Werk ist inhaltlich eng am Psalm 25 gehalten.

1. Sinfonia

2. Chor
Nach dir, Herr, verlanget mich.
Mein Gott, ich hoffe auf dich.
Laß mich nicht zuschanden werden,
daß sich meine Feinde nicht freuen über mich.
(Psalm 25:1-2)

3. Arie (Sopran)
Doch bin und bleibe ich vergnügt,
Obgleich hier zeitlich toben
Kreuz, Sturm und andre Proben,
Tod, Höll, und was sich fügt.
Ob Unfall schlägt den treuen Knecht,
Recht ist und bleibet ewig Recht.

4. Chor
Leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich;
denn du bist der Gott, der mir hilft,
täglich harre ich dein.
(Psalm 25:5)

5. Terzett (Alt, Tenor, Bass)
Zedern müssen von den Winden
Oft viel Ungemach empfinden,
Oftmals werden sie verkehrt.
Rat und Tat auf Gott gestellet,
Achtet nicht, was widerbellet,
Denn sein Wort ganz anders lehrt.

6. Chor
Meine Augen sehen stets zu dem Herrn;
denn er wird meinen Fuß aus dem Netze ziehen.
(Psalm 25:15)

7. Chor
Meine Tage in den Leiden
Endet Gott dennoch zur Freuden;
Christen auf den Dornenwegen
Führen Himmels Kraft und Segen.
Bleibet Gott mein treuer Schatz,
Achte ich nicht Menschenkreuz;
Christus, der uns steht zur Seiten.
Hilft mir täglich sieghaft streiten.

Im von mir gemessenen Durchschnitt erklingt die Kantate heute nur noch auf dem traurigen BW 440. Die allgemein an Perfektion orientierte Aufführungspraxis unserer Zeit hat im Berufsfeld der Musiker deutlich hörbare Spuren hinterlassen. So stellt sich für manchen Musikhörer sogar die berechtigte Frage, ob Klassische Musik überhaupt noch in unsere Zeit gehört. Gewollte Perfektion kann jedoch niemals eine natürliche Lebendigkeit ersetzen. Zu meiner Freude und Überraschung habe ich eine Aufnahme entdeckt, die sogar den BW 950 erreicht. Mit dem großartigen britischen Vocalensemble VOCES8 haben sich 8 SängerInnen zusammengefunden, deren hohe Kunst darin besteht in beispielloser Weise aufeinander zu hören. Ihr gemeinsames Bewusstsein erreicht den BW 1340! Damit sind sie der hohen Idee der Polyphonie (Vielstimmigkeit), die immer das Markenzeichen aller barocken Musik und dessen großem Meister Johann Sebastian Bach bleiben wird, sehr nahe gekommen. In klingender Weise steht die Polyphonie als Parabel für unser aller Leben: Sie kennt keine führende, wichtigste Stimme, sondern nur ein freudiges, achtsames und gleichwertiges Miteinander. Ihr Bewusstsein reicht über unsere 3-D-Welt weit hinaus (BW 4400) und weist uns den Weg in die Ebene der 5. Dimension.

*BWV = Bach Werkeverzeichnis

Zu krönenden Abschluss folgt die Einspielung des berühmten Chorales „Jesus bleibet meine Freude“ aus der Bach-Kantate „Herz und Mund und Tat und Leben“, BWV* 147. Dieser Choral ist überdies ein schönes Beispiel für Bachs musikalische Offenheit, da die Melodie auf den Choral „Werde munter, mein Gemüte“ von Johann Schop (um 1590-1614) zurückgeht. 1716 in Weimar mit dem BW 830 komponiert, hören wir ihn hier und heute, Dank der hohen Kunst des Ensembles VOCES8, mit BW 1040!

Veröffentlicht in: Musik

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